Vier Zentimeter (keine Fußballandacht)

Ich gebe zu, ich bin verwöhnt. In meiner Heimatstadt Berlin ist Kinderwagenfahren ein Spaziergang. An jeder Straßenecke und an jeder Auffahrt sind die Bordsteine abgesenkt. Auch in Münden gibt es abgesenkte Bordsteine. Doch seltsamerweise sind die abgesenkten Bordsteine hier nicht ebenerdig verlegt, sondern ich muss den Kinderwagen stets ankippen, um auf den nächsten Bürgersteig zu gelangen.

Als Kinderwagenfahrer kann ich mich mit halbhohen Bordsteinen abfinden. Wer jedoch auf einen Rollstuhl oder einen Rollator angewiesen ist, kann sich nicht an diese Besonderheit des Mündener Straßenbaus gewöhnen. Stattdessen heißt es: zu Hause bleiben. Es sind nur vier Zentimeter, aber diese vier Zentimeter (an jeder Straßenecke) können darüber entscheiden, ob ich ohne Hilfe einen Spaziergang unternehmen kann oder nicht.

„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ - Mit der Goldenen Regel aus der Bergpredigt lassen sich sogar Straßen bauen. Die Fußwege, die wir heute bauen oder sanieren, werden wir einmal selbst nutzen, wenn wir alt sind - oder wir werden sie eben nicht nutzen können. Schon allein aus Eigeninteresse lohnt sich also der Blick darauf, wie die Straßensanierung in meiner Nachbarschaft geplant ist. Stufenlos abgesenkte Bordsteine dürften überdies nicht teurer sein als halbhohe Bordsteine.

Zum Abschluss noch ein Blick auf die eigene Kirchengemeinde. 2006 wurde an der Kirche in Gimte der Besinnungsweg gebaut. Der Eingang zum Pfarrhaus wurde mit zwei Stufen gestaltet: Rollstuhl- und Rollatorfahrer - schlicht vergessen! An diesem Wochenende bauen Ronald Schminke und weitere fleißige Helfer die zwei Stufen in einen barrierefreien Zugang um! Vielen Dank für euren Einsatz!

12.07.2014