Mit Flatterband gegen den Völkermord

Der Angriff der serbischen Einheiten auf die UN-Schutzzone kam nicht überraschend, seit März 1995 wurden entsprechende Vorbereitungen registriert. 400 niederländische Soldaten sollen die Schutzzone verteidigen. Eine unmögliche Aufgabe, auch durch Heldenmut nicht zu lösen. Wenn Europäer in den Krieg ziehen, dann haben sie alles dabei, auch rot-weißes Absperrband. Die niederländischen Soldaten ziehen das Absperrband um die UN-Kaserne. Das Wunder geschieht: Die serbischen Einheiten respektieren das Absperrband. Alle Männer, Frauen und Kinder, die sich auf dem Gelände der UN befinden, sind in Sicherheit.

Wenige Stunden später eine andere Situation. „Ich bin Klavierspieler. Erschießt keinen Klavierspieler!“, mit diesen Worten bettelt der niederländische UN-Kommandeur von Srebrenica um sein Leben. Einige niederländische Soldaten haben sich ergeben und sind in serbischer Geiselhaft. Von seiner Regierung erhält der niederländische Kommandeur einen tröstenden Telefonanruf, aber keine militärische Unterstützung. Die NATO fliegt keine Luftangriffe, solange UN-Soldaten in Geiselhaft sind. Einzig Frankreich will militärisch eingreifen, findet aber keine Unterstützung. Völkermord verhindern ohne Waffen? Das ist eine unmögliche Aufgabe! Das Flatterband wirkt nur, solange die serbischen Einheiten noch Respekt vor der UN haben. Flatterband allein verhindert keinen Völkermord. Das Ende ist bekannt. Die Weltgemeinschaft sieht zu, wie 8.000 männliche Flüchtlinge abgeführt werden.

Bei jedem Bürgerkrieg achte ich auf die Verlautbarungen meiner Kirche. Ich schäme mich: Fast immer ist nur von den Flüchtlingen die Rede, die wir bei uns willkommen heißen sollen. Über das eigentliche Problem spricht niemand: Was ist mit den Flüchtlingen vor Ort, die sich keine Flucht nach Europa leisten können? Sind diese Menschen Freiwild? Wie wäre es z.B. mit einem Dank an die kurdischen Verbände, die seit Jahren mitten im Flächenbrand ein Fleckchen Erde schützen, in dem Flüchtlinge aller Religionen willkommen sind. Wie wäre es mit einem Dank an die Bundeswehrsoldaten, die kurdische Soldaten fortbilden? Gegen Völkermord hilft kein Flatterband. Das lehrt mich Srebrenica. Bei der Abwägung zwischen Feindesliebe (Matthäus 5,43-48) und Goldener Regel (Matthäus 7,12) entscheide ich mich für letztere.

12.07.2015