Gedenkstättenbesuch

Zögernd trete ich von der Straße in den vergitterten Eingangsbereich. Wer an diesen Ort gebracht wurde, wusste nicht, wann er wieder einen Tag ohne Gitterstäbe erleben würde.

„Sie wollen sich anmelden?“ - Die Frage des Pförtners irritiert mich. Ich möchte gern die Gedenkstätte besuchen. - „Die Anmeldung ist in der dritten Baracke links.“

Nun bin ich angemeldet. Ein 45-jähriger Mann führt uns durch die Gedenkstätte. 1989 war er selbst für einige Wochen in Berlin-Hohenschönhausen „zu Gast“. Wir beginnen mit der Geschichte. 1945 richtet der sowjetische Geheimdienst hier ein Speziallager ein, das 1951 von der STASI übernommen wird. Mit psychischer und körperlicher Folter werden Geständnisse erzwungen, die schließlich zu langjährigen Haftstrafen oder zu Todesstrafen führen.

Seit den 1960er Jahren wird die psychische Folter perfektioniert. Geschlagen wird nicht mehr. Stattdessen sind die Wärter für die Sicherheit der Insassen verantwortlich. Schlafen in vorgeschriebener Haltung dient dem Schutz vor Selbstmord, schließlich sind die Insassen nicht zurechnungsfähig, wenn sie gegen einen Staat agieren, der es doch nur gut mit ihnen meint. Nach Verbüßung der Haftstrafe werden die Häftlinge wieder in ihren gewohnten Sozialbereich entlassen, verbunden mit der Auflage zu schweigen. Der Staat meint es gut mit ihnen - und ganz nebenbei sind die schweigenden Rückkehrer die beste Mahnung an alle Kollegen und Familienmitglieder, den guten Staat besser nicht in Frage zu stellen.

Nach zwei Stunden werden wir verabschiedet. „Bitte denken Sie daran: Demokratie lebt vom Mitmachen. Das Leben besteht nicht nur aus Geld verdienen und Geld ausgeben!“

Ich frage mich, ob Gerhard Schröder oder Angela Merkel schon einmal hier waren. Wie viele Tage vergingen, ehe sie den nächsten Wirtschaftsvertrag mit China abschlossen?

Ich brauche frische Luft und nehme meine Jacke. „Made in China.“

„Meine Augen sehnen sich nach deinem Heil und nach dem Wort deiner Gerechtigkeit!“ (Psalm 119, 123)

13.07.2013