Die Würde des Menschen ist unantastbar?

Im Krankenhaus wird Ethik konkret. Alle Fragen, vor denen die Gesellschaft gerne die Augen verschließt, lassen sich im Krankenhaus nicht mehr wegdiskutieren. Da wird ein Kind mit 500 Gramm geboren. Seine Prognose ist ungewiss. Trotzdem tun die Ärzte alles, um das Kind zu retten. Das Kind lebt, sein Herz schlägt schon lange, es kann schreien und sogar selbstständig atmen. Das Kind ist lebensfähig und so wird alles getan, um das Kind zu retten. Im gleichen Krankenhaus auf einer anderen Station entscheidet sich eine Frau gegen das Leben ihres Kindes, z.B. weil das Kind mit einer Behinderung zur Welt kommen würde. Und so darf das Kind abgetrieben werden, auch dann, wenn es außerhalb des Mutterleibes schon lebensfähig wäre.

Das rechtsstaatliche Fiasko der Spätabtreibungen behinderter Kinder rückte vor einer Woche ins öffentliche Bewusstsein. Eine 18-jährige Erstwählerin aus Köln, selbst mit Down-Syndrom geboren, fragte Angela Merkel: „Wieso darf man Babys mit Down-Syndrom bis kurz vor der Geburt noch abtreiben?“

Wer spricht schon gerne über Abtreibungen? Niemand. Nur ein paar Mutige gehen heute in Berlin schweigend auf die Straße. In diesem Jahr fällt der „Marsch für das Leben“ zufällig auf das Wochenende vor der Bundestagswahl. Trotzdem verhält sich die Lebensrechtsbewegung parteipolitisch neutral. Welche Wahlempfehlung sollte sie auch aussprechen? In den Wahlprogrammen von CDU, SPD und FDP finden sich keine Angaben zum Schutz des ungeborenen Lebens. Grüne und Linke definieren das ungeborene Kind als Teil des Körpers der Frau. Abtreibungen fallen dann unter das „Recht auf sexuelle Selbstbestimmung“. Nur die AfD und einige Kleinparteien sprechen sich in ihren Wahlprogrammen konkret für den „Schutz des ungeborenen Lebens“ aus. Nun sind aber viele engagierte Lebensrechtler zugleich in ihren Kirchengemeinden für Flüchtlinge aktiv. Wie sollten sie da AfD wählen? Und die Stimme an eine Kleinpartei verschenken, was wäre damit erreicht?

Die Wahlurne betrete ich immer mit einem schlechten Gewissen. Und genau das ist Demokratie: Abwägen und am Ende das geringere Übel wählen. Das ist immer noch besser als gar nicht zur Wahl zu gehen. Dann kann man zwar die eigenen Hände in Unschuld waschen, aber am Ende kommt das große Übel. Und wer mehr erreichen will als das geringere Übel, der muss als Christ hineingehen in die Politik, sei es in eine große oder in eine kleine Partei. Werte setzen sich niemals von allein durch. Sogar das Recht auf Leben muss immer wieder neu erkämpft und verteidigt werden.

16.09.2017