Komm mit, wir schießen wieder

Wir schreiben das Jahr 1952. Der Zweite Weltkrieg ist gerade sieben Jahre vorüber. Die Folgen des totalen Krieges sind immer noch überall sichtbar. Zugleich lenkt das beginnende Wirtschaftswunder den Blick in die Zukunft. Für die Überlebenden beginnt eine gesellige Zeit. Auch Krieger- und Schützenvereine sind wieder erlaubt.

„Komm mit, wir schießen wieder!“, heißt es auch in Gimte. Manche Kameraden sind fassungslos: „Ich hab genug geschossen!“ lautet ihre Ablehnung. Andere finden sich am Schießstand ein und betreiben die Neugründung der Kyffhäuser-Kameradschaft.

Das Schießen liegt mir einfach fern. Ich habe dazu keinen persönlichen Zugang. Wer als Schüler in der DDR im Wehrkundeunterricht den Griff zur Waffe ablehnte, der hatte sein Abitur verspielt. Ich bin kein Pazifist. Ich befürworte Kriegseinsätze der Bundeswehr, wenn sie tatsächlich dem Frieden dienen. Aber Schießen als Hobby ist für mich nicht vorstellbar. Darin fühle ich mich mit denen verbunden, die nach 1945 genug vom Schießen hatten.

Wir schreiben das Jahr 2019. Der Bundesverband der Kyffhäuser tagt in Hann. Münden. Eine Andacht am Ehrenmal in Gimte eröffnet das Wochenende. Da stehe ich, der Pastor mit ostdeutscher Biografie, vor den Kyffhäuserkameraden und halte eine Andacht über gefallene Soldaten und die ambivalente Geschichte des Kyffhäuserbundes. Das kann ja nur schief gehen! Doch das Wunder geschieht: Die Kameraden (und Kameradinnen) nicken zustimmend. Sie teilen meine Skepsis. Sie wissen um die politische Ausrichtung des Kyffhäuserbundes in den 1950er Jahren. Und sie danken für die offenen Worte.

Offene Worte wünsche ich mir auch am Volkstrauertag. Weniger vorgefertigte Reden aus dem Internet, mehr Mut zu eigenen Worten. Wer die Schrecken des Krieges ernst nimmt, wird von den großen Worten ohnehin Abstand nehmen. Wir schreiben das Jahr 2019. Kriegsteilnehmer finden wir in der Gedenkstunde am Ehrenmal nicht mehr. Es ist unser Tag. Wir ziehen unsere eigenen Schlüsse aus dem, was uns die Alten erzählt oder verschwiegen haben.

16.11.2019