Olympiapfarrer

Die deutsche Delegation bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro umfasst 449 Athleten. Die Sportler werden von 1.200 Begleitpersonen unterstützt. Von den Zahlen her hat sich dort also eine kleine Kirchengemeinde zusammengefunden, die für zwei Wochen das Leben teilt – mit allen Erfolgen und Niederlagen, mit Anstrengung und Erholung, mit Freude und Trauer.

Zum Begleitteam gehören auch zwei katholische und zwei evangelische Seelsorger. Brauchen Sportler bei den Olympischen Spielen tatsächlich einen Pfarrer an ihrer Seite?

„Deutschland: null Medaillen! Warum dieser Fehlstart?“, so konnte man am dritten Wettkampftag lesen. Erwähnenswert ist am Ende nicht, ob jemand zu den besten Sportlern der Welt gehört, ob er vielleicht sogar Platz vier belegt. Am Ende ist nur das erwähnenswert, was sich im Medaillenspiegel zählen lässt. Wie geht es dem Sportler, der vielleicht seine persönliche Bestzeit erreicht, über den es am Ende aber lapidar heißt: „Er wurde nur Fünfter“? Die Olympia-Pfarrer wissen es. Wie geht es der Sportlerin, über deren Reitkünste nur deshalb gesprochen wird, weil ein Live-Moderator unglückliche Worte wählte? Die Olympia-Pfarrer wissen es. Wie geht es dem Sportler, der seine persönliche Bestzeit nicht mehr erreicht und der stattdessen weiß, dass sich das Ende der Karriere anbahnt? Die Olympia-Pfarrer wissen es. „Ruhm ist vergänglich, Siege sind schnell vergessen“, sagt der evangelische Olympia-Pfarrer Thomas Weber. „Wen interessiert es in ein paar Jahren noch, dass ein Sportler mal eine Medaille gewonnen hat?“

Im Laufe der Sportlerkarriere ändert sich der Blick aufs Leben. „Die 20- bis 25-Jährigen sind jung, voller Kraft und gehören in der Regel nicht zu denen, die sonntags in die Kirche gehen. Viele werden aber nachdenklich, wenn ihre Beziehung scheitert, wenn sie Kinder bekommen oder wenn im eigenen Umfeld jemand schwer erkrankt oder stirbt.“ Auch für die letzten Dinge sind die Olympia-Pfarrer da, für Trauer um den verstorbenen Trainer, während der große Wettbewerb unaufhaltsam weiterläuft.

Jesus hat einmal die Frage in den Raum gestellt: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber am Ende Schaden nimmt an seiner Seele?“ (Markus 8,36) Diese Frage ist das persönliche Leitwort für die Arbeit von Thomas Weber. „Das Leben ist ein Geschenk von Gott. Ich kann mir ein Leben ohne Jesus Christus nicht vorstellen. Dass wir auch in schweren Zeiten nicht allein unterwegs sind – das versuche ich rüberzubringen.“

20.08.2016