Zwei Reihen am Meer

Am 16. Februar ermordeten Kämpfer des Islamischen Staates an der lybischen Mittelmeerküste 21 junge Christen aus Ägypten. Die Bilder vom „Strandspaziergang“ zur Enthauptung machten uns fassungslos. Links gehen die schwarz gekleideten Islamisten, jeweils mit einem Messer in der Hand, rechts die Opfer, die Hände auf dem Rücken gefesselt, gekleidet in oranger Häftlingskleidung.

Die Reaktion im Westen heißt Fassungslosigkeit. Letztlich ist damit genau das erreicht, was der Islamische Staat erreichen will: Mischt euch bloß nicht ein! Unsere Fassungslosigkeit ist nicht nur äußerlich: Uns fällt nichts ein, wie wir mit einem vertretbaren militärischen Aufwand den religiösen Völkermord im arabischen Raum eindämmen können. Unsere Fassungslosigkeit ist auch innerlich begründet: Es ist nicht Teil unseres Lebenskonzeptes, in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges zurückzukehren. Für Religion wollen wir nicht unser Leben opfern, das haben unsere Vorfahren vor 400 Jahren mühsam gelernt. Selbst für die Freiheit unseres politischen Systems sind wir nur sehr begrenzt opferbereit: Nach den Anschlägen in Paris schrieb man zwar „Je suis Charlie“, aber nur wenige Zeitungen entschlossen sich zum Abdruck der Karikaturen.

Die Ägyptische Bibelgesellschaft hat auf die Enthauptung der 21. Christen mit einer bemerkenswerten Broschüre geantwortet. Sie nimmt die Bilder des Islamischen Staates auf, ohne Furcht. Auf der Titelseite ist der „Strandspaziergang“ abgebildet, versehen mit einer schwarzen und einer orangen Spur. „Zwei Reihen am Meer“, so der Titel des Faltblattes. Der Inhalt ist schlicht: fünf Abschnitte aus dem Neuen Testament und ein tröstendes Gedicht über den Weg der Opfer. Der Fassungslosigkeit wird das Heilige Buch der Christen gegenübergestellt. Ganz neu höre ich dort einen bekannten Vers aus dem Römerbrief: „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Nacktheit oder Gefahr oder Schwert? Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag, wir sind geachtet wie Schlachtschafe (Psalm 44,23). Aber all das werden wir überwinden mit der Hilfe dessen, der uns liebt. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, wie sie in Jesus Christus erschienen ist, unserem Herrn.“ (Römer 8,35-39)

Die Broschüre stößt in ganz Ägypten auf große Nachfrage, nicht nur unter Christen, auch unter Muslimen. So hatten sich die Islamisten das sicher nicht vorgestellt ...   Das Bild der „Zwei Reihen am Meer“ und die Texte der Broschüre werden mich in die Karwoche begleiten. Eine Woche voller Trauer und Entsetzen, doch am Ende wird die Liebe Gottes das letzte Wort behalten. Die Karwoche hilft mir, meine westeuropäische Fassungslosigkeit zu überwinden.

Download der Broschüre (auf englisch): „Zwei Reihen am Meer

28.03.2015