Der Altar - Jesus: Brot des Lebens

Altarbild
Foto: Bernd Vogel
Jesus-Altar
Foto: Bernd Vogel

Der Gimter Altar hat für mich eine ganz besondere Glaubensaussage, die nur selten dargestellt ist. Über einem rustikalen Steintisch steht eine einzigartige Bildfolge: Letztes Abendmahl, Passion, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu. Normalerweise ist Jesus auf Altarbildern in den ersten 1000 Jahren als erhabener Weltenherrscher/Pantokrator und seit 800 Jahren als leidender Schmerzensmann dargestellt. Auf unseren Altarbildern lächelt Jesus Christus. Selbst auf der großen Kreuzigungsdarstellung ist ein lächelnder Christus am Kreuz zu sehen. Das Leiden wird trotzdem nicht geschönt. Das Blut des am Kreuz gepeinigten und getöteten Menschen Jesus spritzt deutlich aus den Wunden. Doch das Sterben Jesu begleitet sein Wort „Es ist vollbracht!“ (Joh. 19, 30). Durch sein Lächeln zeigt Jesus sich als gesalbter König, als Christus am Kreuz. Er ist als Ermordeter dennoch der Sieger. Sein Tod wird zum Moment der Offenbarung seiner Botschaft, dem Beginn neuer Glaubenskraft und neuen Lebens.

Jesus verhält sich zeitlebens verantwortlich gegenüber Schwachen und Kranken, aber auch gegenüber Mächtigen und Unterdrückten. Er fordert unnachgiebig eine neue Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit. Er gewichtet Glaubensvorschriften und gesellschaftliche Grundsätze völlig neu, verwebt Glauben und politisches Handeln anders und schafft nachdenkliche Kreativität. Er kennt tiefe Zweifel, bleibt aber seiner Berufung als Erneuerer, als Retter der Welt auch im Sterben treu. Was für ein Mensch, was für eine großartige, göttliche Botschaft duch diesen Jesus!

Altar-Abendmahl
Foto: Bernd Vogel

Karfreitag wird auf dem Hauptbild schon von der Auferstehung her gedeutet. Es zeigt uns, dass unser Glaube schon dort beginnen kann, wo alle meinun, hier ginge es nicht mehr weiter: Alle sehen, Jesus ist tot. Hass, Zweifel, Gewohnheit oder Verlassenheit haben alles zerstört. Aber aus dem Nichts, aus der Niederlage des Todes wächst neue Zuversicht. Diese Altarbilder liefern mit ihrer Predigt einen befreienden Durchbruch. Neues, warmes Licht leuchtet durch das Gesicht des lächelnden Christus. Eine ungeheure Energie und Ausstrahlung geht davon aus. „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh. 8, 12). So folgen auch über dem Bild der Kreuzigung die anderen Bilder der Auferstehung und Himmelfahrt, gekrönt vom Licht des Lebens, der Sonne.

Diese Bilder sind eingebettet in einen Aufbau aus rot gepunktetem, warmem „Bauernmarmor“ mit klassisch, griechischen Säulen (korinthisch, ionisch, dorisch), die golden verziert sind. Kostbare und damals auf dem Land in Deutschland noch fast unbekannte Tulpen und Lilien rahmen das Geschehen. Dazu kommen Herbstfrüchte und aufgeblühte Sommerblumen, Rosen. Diese weißen und roten Rosen werden der reinen und schmerzensreichen Maria zugeschrieben: Gimte hat eine Marien-Kirche. Die weißen und roten Rosen zeigen, dass Erlösung und Zuneigung nur durch die Liebe möglich sind. Weihnachtlich-barocke Engel und die strahlende Sonne über Allem geben der komplexen Ostergeschichte die Deutung eines grandiosen Lebensfestes, eines - wenn man so will - Erntedankfestes. Jesu Tod wird zum Sieg des Lebens über den Tod und alles Tötende. Er ist „das Brot des Lebens“ (Joh. 6, 48).

Mit diesen Altarbildern werden auch heute unsere tiefsten Gefühle und Wünsche in Bildsprache übersetzt und münden in die Vergewisserung durch das Abendmahl. Durch Texte neben dem Abendmahlsbild, der Predella, sind wir eingeladen, an den Tisch des Herrn zu kommen: „Esset meine Lieben. Trinket meine Freunde“. Nach dieser Aufforderung können wir in das Bild eintreten und an der Tischgemeinschaft Jesu teilhaben. Lebhaft ist diese Runde. Hervorgehoben sind im Bild der düstere, verdrehte Judas und der hell strahlende, lockige Johannes. Rechts vom Abendmahlsbild erhalten wir dann Gewissheit durch den Zuspruch: „Mein Fleisch ist die rechte Speise und mein Blut ist der rechte Trank“ (Joh. 6, 55). Das ist nicht wörtlich zu nehmen. „Der Geist ist's, der lebendig macht. Das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben“ (Joh. 6, 63). Jesus redet gern in Gleichnissen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, trägt es viel Frucht“ (Joh. 12, 24). „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben: Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh. 14, 6). Das sind die Anliegen der damaligen Gimter Bürger und des Malers Johann Daniel Sarrazin „von der Blume“ (ist der jetzige Mündener Stadtteil gemeint oder seine Vorliebe für Blumen?). Dieser Altar zeigt Dank, macht Mut, schenkt Glaubensgewissheit und ist eine Einladung zur Besinnung immer wieder, auch heute, wenn man sich die Zeit nimmt.

Dieser sehr nach Motiven des Johannes-Evangeliums gestaltete Altar entstand etwa 1680, nur 32 Jahre nach dem damals schlimmsten Krieg aller Zeiten, dem 30-jährigen Krieg. Er ist ein überzeugender Ausdruck des Dankes für die ersten, schweren Friedensjahre.

15 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg lag dieser Altar zerlegt, stark beschädigt und völlig verschmutzt im Kohlenlager auf dem Pfarrgrundstück. Er wurde weggegeben und lag jahrzehntelang unbeachtet, aber zum Glück sicher, in Osterode. Trotzdem fand der Altar 1982 den Weg in seine Kirche zurück. Aufmerksamen Mitgliedern der Gemeinde sei Dank dafür.

Eine weitere Besonderheit zeichnet die Altarbilder aus: Es ist die menschliche Nähe zwischen Jesus Christus und den Menschen seiner Umgebung. Die mitmenschliche Zuwendung und das Füreinander-Dasein waren im vergangenen 30-jährigen Krieg verloren gegangen. „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah, und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe das ist deine Mutter. Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“ (Joh. 19, 25 ff).

Kann intensiver und eindeutiger zu Fürsorge aufgefordert werden? Die Dreiergruppe Jesus mit Maria und Johannes ist oft auf Kreuzigungsbildern dargestellt. Das Gimter Bild zeigt außerdem die liebende Fürsorge der Maria Magdalena beim Sterben Jesu. Maria Magdalena hält deutlich seinen Fuß. Sie zeigt sich. Sie bekennt sich öffentlich zu ihm und handelt. Sie kniet achtungsvoll und mitfühlend neben dem Kreuz und begleitet das Sterben Jesu. Unser Jesus ist nicht der unberührbare Christus, der sonst stets hoch geachtet, aber einsam am Kreuz hängt. Hier kann gegenseitiges Sorgen, hier kann Christ-Sein geschaut werden.

Auf den oberen Bildern steigt Christus dann auf einen Lichtstrahl, alle grüßend und segnend, mit der Siegesfahne und in den roten Triumphmantel gekleidet zum Himmel auf. Er schwebt leicht an Wächtern vorbei, weiter durch betende oder jubelnde Anhänger und durch die dunklen Wolken nach oben. Dort wird er von Gottes Engeln erwartet. Welch eine klare Bildsprache und vielfältige Interpretation des Johannes-Evangeliums für die Bürger unseres Dorfes, die damals meist nicht lesen konnten, aber Gemaltes gut verstanden. In diesem Altar finden Tod, Ernte, Neubeginn, Barmherzigkeit und ein fröhliches Herz unter dem Kreuz ihren Ausdruck. Jesus lächelt für uns. Er ist Trostspender in Zeiten der Trauer und Zuspruch auf neues Leben. Der lächelnde Jesus verbindet für mich den leidenden, den Glauben schenkenden, den Mut machenden und segnenden Jesus.

Dieser kostbare Dankaltar ist voll inniger Fröhlichkeit und großer religiöser Tiefe. Er macht neugierig und regt zum Staunen und Lesen der biblischen Texte an. „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh. 7, 37f). Vor diesem Altar geht es mir gut.

Reinhard Hahn, im Oktober 2005