Verlorene Schätze der Marienkirche

Einstige Apostelfiguren unauffindbar

Beim Durchstöbern der Göttinger Universitäts- und Staatsbibliothek nach älteren Berichten über die Gimter Kirche stieß ich u.a. auf einen Artikel aus der Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen des Jahrganges 1862 von dem Forstpraktikanten C. HINÜBER aus Eisenach mit dem Titel „Die Kirche des Dorfes Gimte bei Münden“. In dem Aufsatz schildert der Sohn des damaligen bekannten Oberförsters und früheren Reitenden Försters HINÜBER zu Hemeln die Geschichte des Dorfes und seiner Kirche nach den zu jener Zeit verfügbaren geschichtlichen Quellen und sich noch bietenden mündlichen Überlieferungen.

Diese Arbeit HINÜBERs, die in Kap. V, S. 257 bis 261 der genannten Zeitschrift zu finden ist, scheint mir von besonderem Wert für unsere örtliche Kirchenforschung zu sein, da sie Hinweise auf eine Reihe von Kunstgegenständen und -einbauten enthält, die heute nicht mehr vorhanden sind und von deren früherer Existenz nicht einmal mehr eine Erinnerung zurückgeblieben scheint.

Leider versäumten es frühere Autoren, wie z.B. KREIKE/GIESELER (Geschichte von Gimte und Hilwartshausen), obwohl sie andere Stellen HINÜBERs zitierten, auf solche Hinweise einzugehen. Das sei im Folgenden nachgeholt.

HINÜBER befasst sich eingangs mit der Gründungszeit des Klosters Hilwartshausen und der damit in Zusammenhang stehenden ersten Erwähnung des Dorfes Gimte (Villa Gemmet) 970 unter Kaiser Otto I.

Abweichend von LOTZE, der 16 Jahre nach HINÜBERs Veröffentlichung seine „Geschichte der Stadt Münden und Umgebung“ herausgab, nimmt HINÜBER als Entstehungsjahr der Gimter Kirche erst den Anfang des 14. Jahrhunderts an, was sicher falsch ist. Nach LOTZE ist das Jahr 1006 als Baujahr des älteren, später gotisierten östlichen Teiles der Kirche anzunehmen.

Uns sollen aber, einmal ganz von der Historie von Dorf und Kirche abgesehen, hier nur die ehemaligen Schätze der Marienkirche beschäftigen:

Da ist bei HINÜBER u.a. von dem „Bruchstück eines Kreuzes“ auf der Spitze des Ostgiebels die Rede. Er teilt mit, dass es „durch eine Kanonenkugel des siebenjährigen Krieges dazu geworden“ sei. Heute finden wir dieses Kreuz wieder in seiner vollen Gestalt an dem beschriebenen Platz. Es bliebe aber festzuhalten, dass die Marienkirche zu Gimte noch Mitte des 19. Jahrhunderts offenbar Spuren jenes Krieges (1756-63) aufgewiesen hat.

Nun ist ein Kreuz zwar das wichtigste christliche Symbol, doch ist kaum anzunehmen, dass es ehemals künstlerischer gestaltet war, als das hier wiedererstandene. Schon anders mag das mit den ebenfalls von HINÜBER erwähnten ehemaligen gotischen „Steinarabesken“ (Maßwerk) der Fenster „der älteren Abteilung“ gewesen sein, die zu HINÜBERs Zeit „neueren von Holz weichen mussten“. Die heute vorhandenen hölzernen Fensterfassungen weisen kein künstlerisches Maßwerk mehr auf. MITHOFF; der Zeitgenosse HINÜBERs teilt in seiner „Aufstellung Lutherischer und reformierter Kirchen und Capellen im Fürstentum Göttingen“ (1962) mit, dass die Entfernung des steinernen Maßwerkes aus den Spitzbogenfenstern schon 1774 erfolgt sein soll.  - Leider fehlt hier, wie so oft, ein Hinweis darauf, woher er solche Kenntnis hat.

Weiter spricht HINÜBER davon, dass die „der Tradition nach vorhanden gewesenen Glasmalereien verschwunden sind“. LOTZE (s.o.) scheint dann dieser Vermutung näher nachgegangen zu sein und brachte in Erfahrung, dass die Fenster einst in der Tat Glasmalereien aufwiesen, darunter „Wappengebilde und biblische Darstellungen - worunter ein Christusbild in Lebensgröße gewesen sein soll“. Hier lässt auch unser Autor den Leser über seine Quellen im Unklaren.

Im Gegensatz zu MITHOFF erwähnt HINÜBER nicht, dass der von ihm eingehend beschriebene Altar ehemals einen aus 4 Abbildungen bestehenden Aufsatz hat, von dem später LOTZE meinte, dass er „verschwunden“ sei. Die 4 lebensgroßen Bilder dieser Bildwand waren aber stets in der Kirche sichtbar angebracht und sind 1982, nach längerer Auslagerung in ein auswärtiges Magazin, auf mein Drängen hin wieder zu einem Altarretabel in der Gimter Marienkirche zusammengestellt. - Ich verweise in diesem Zusammenhang neben den Berichten in den Heften 2 (1979), 5 (1982) und 6 (1983) meiner Beiträge zur Heimatpflege in Südniedersachsen auf den ausführlichen bebilderten Beitrag von H. v. POSER über den Gimter Altar in „Unser Münden“, Band 1, Sydekum-Schriften Nr. 16 (1987).

Worüber aber in den Archiven meines Wissens bisher nichts auftauchte, ist die Mitteilung HINÜBERs, dass noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts „hölzerne Statuetten der Apostel“ vorhanden waren, von denen er annimmt, dass sie mittelalterlichen Ursprungs waren. Zur Zeit HINÜBERs mag es noch Zeugen gegeben haben, die ihm jene Apostelfiguren beschreiben konnten. Möglich auch, dass mit den von LOTZE erwähnten verschwundenen „Heiligenbildern mit Reliquienresten“ ebendiese Statuetten gemeint sind.

Es stellt sich nun die Frage, ob der 2002 bei Bauarbeiten auf dem Dachboden der Marienkirche gefundene „Christuskopf mit den von HINÜBER erwähnten Statuetten in Zusammenhang gebracht werden muss. Es ist kaum anzunehmen, dass noch irgendwo detailliertere Beschreibungen oder gar bildliche Darstellungen der Statuetten auftauchen werden, die uns in die Lage versetzen könnten, auch diese Frage eindeutig zu beantworten.

Solche ehemaligen Schätze müssen wir als verloren ansehen. Wir sollten aber bemüht sein, mit den noch vorhandenen künstlerischen Schmuckstücken und Kostbarkeiten behutsam umzugehen, wie dies in der Marienkirche ja auch in vielfacher Hinsicht geschehen ist. Ferner ist es unverzichtbar, angelegte Dokumentationen fortzuführen, damit diese Zeugen der Frömmigkeit auch späteren Generationen zumindest in Erinnerung bleiben.

So konnte vor wenigen Jahren ein für Volkmarshausen historisch wertvolles Epitaph vor dem Abhandenkommen bewahrt werden. Es stellt dar und beschreibt in erschütternder Weise die Tragödie der Familie eines Volkmarshäuser Bürgermeisters in den Zeiten der Pest und war bei Renovierungsarbeiten des Gimter Pfarrhauses bereits auf einem großen Schutthaufen gelandet, wo ich es zufällig entdeckte. Ich habe darüber vor längerem an anderer Stelle ausführlich berichtet (Beiträge zur Heimatpflege, Heft 2, 1979). Die Homepage der Gimter Kirchengemeinde beschreibt u.a. dies Epitaph in hervorragender Weise. Jetzt hängt es nach erfolgter Restaurierung wieder an einem ihm gebührenden Platz in der altehrwürdigen Gimter Marienkirche.

Carl-Christian Sumpf, März 2004